„Am Anfang war der Irrtum“

Eine Geschichte aus der Warén-Welt
Erschienen in „Am Anfang war der Irrtum“ (2014)

 

„Am Anfang war der Irrtum“

Eine Geschichte aus der Warén-Welt
Erschienen in „Am Anfang war der Irrtum“ (2014)

 

Klappentext

Klappentext zu „Am Anfang war der Irrtum“

Das All ist groß und natürlich wussten die Menschen, dass sie früher oder später auf andere intelligente Spezies treffen würden, vielleicht sogar auf echte Sternenreiche. Aber so hatten sie sich das nicht vorgestellt …

Smalltalk

Plauderei zu „Am Anfang war der Irrtum“

Wenn man Serien schreibt, braucht man immer wieder neue Räume. Im Weltall ist das recht einfach – da ist so viel Platz, dass man einfach etwas dazuerfinden kann. Das heißt auch, dass man neue Völker entdecken kann.

Das ist aber nur eine Seite. Im Fall der Warén-Welt war ich an einem Punkt angekommen, an dem ich mehrere Elemente brauchte. So war es zum Beispiel an der Zeit, von den klassischen Erstkontakten zu komplexeren Begegnungen zu wechseln. Außerdem hatte ich eine neue Geschichte im Blick, für die ich zwei bestimmte Figuren brauchte. Und bei einer Fingerübung im Rahmen eines Schreib-Kurses hatte sich etwas für die Figur Ines Braun ergeben, das sich als so stimmig erwies, dass es ins offizielle Warén-Universum „übersetzt“ werden musste.

Abgesehen davon machte es Spaß, einen weiteren Erzähltonfall auszuprobieren. Und die Lhlam zu erfinden, die Geschichtenerzähler der Planetaren Föderation.

Leseprobe

Leseprobe aus „Am Anfang war der Irrtum“


Die Imte Rish war weit in das Niemandsland vorgestoßen und wollte grade umkehren, um nach Hause zu fliegen, als die Schiffssensoren etwas höchst Seltsames orteten.
„Inwiefern seltsam?“, fragte Captain Kral Botmur a Sik seinen Ersten Offizier.
Terinest Kalo a Na, so hieß der EO, starrte weiter auf die Anzeigen, während er erklärte: „Es sieht so aus, als würde unser Taststrahl an einem idealen Spiegel reflektiert. Ich erhalte nur das übliche Zwischenraumspektrum.“
Kral Botmur a Sik rümpfte erstaunt die Nase. Noch während er überlegte, woraus so ein Spiegel gemacht sein könnte, meldete sich der Erste Navigator zu Wort. Er war Famayer und hieß Silakoian Ysh. Silakoian Ysh also grummelte: „Laut Zwischenraumintensität müsste sich das Objekt etwa vierzig Ienel voraus befinden. Die Laufzeit für das modulierte Signal liefert allerdings zweiundzwanzig, Captain.“
Captain Kral Botmur a Sik stand auf und trat zum Navigationspult. Er warf einen kurzen Blick auf die Angaben und sagte: „Was um alles in der Welt könnte so einen Effekt hervorrufen?!“ Dann sah er fragend zum Chefingenieur. „Was um alles in der Welt könnte so einen Effekt hervorrufen?“
Chefingenieur Nhlanlm zuckte ratlos mit den Ohren. „Vielleicht eine neue Verwirrtechnik der Nugroma“, vermutete er.
„Dann müsste sie wirklich ganz neu sein“, warf Nera Stegen a Zerkermann ein. Als Zweiter Offizier und Chefin der Sicherheit war sie stets über die Fähigkeiten der Feinde, besonders die der Nugroma, informiert.
„Captain!“, meldete sich Silakoian Ysh. „Wir nähern uns dem Objekt – falls es eines ist – mit wachsender Geschwindigkeit. Oder besser ausgedrückt: Es steuert – falls es gesteuert wird – direkt auf uns zu.“
„Kollisionskurs?“
„Ja, Captain. Der Kollisionspunkt lässt sich jedoch wegen der verwirrenden Ortung nicht bestimmen.“
„Ausweichen!“, befahl Kral Botmur a Sik und das war gut so. Denn jetzt, da der Taststrahl seine Richtung änderte, zeigten die Sensoren der Imte Rish ein Nugroma-Kampfschiff an. Der Captain registrierte, dass es sich in reichlich dreißig Ienel Entfernung vor der Imte Rish befand, und ließ schleunigst das Tarnfeld generieren. Er hoffte, dass es nicht zu spät ganz aufgebaut sein würde, denn die Nugroma waren damals nicht so friedlich wie heute.
Während er also angespannt beobachtete, wie das Tarnschild sich aufbaute, entging ihm ein kleines Objekt, das von dem Nugroma-Kreuzer halb verdeckt wurde. Silakoian Ysh, so gestand er später, bemerkte den Reflex zwar, aber ihm blieb zu wenig Zeit, um seine Entdeckung zu überprüfen. Und weil er nicht wusste, was er hätte dem Captain melden sollen, sagte er gar nichts.
Die Imte Rish baute also ihr Tarnfeld auf. Dadurch entging ihr zwar das merkwürdige Ding hinter dem Nugroma-Kreuzer und die Hälfte ihrer Fernerkundungssensoren waren nicht einsetzbar, aber so bemerkten die Nugroma nicht, dass sie einen Beobachter hatten.
Ihre Aufmerksamkeit war zudem abgelenkt und zwar von jenem Pünktchen. N’Kogh Nsoi – er war damals frischbackener Captain auf dem Kreuzer Schajo Cha Ngoi – verfügte aufgrund der geringeren Entfernung über bessere Sensordaten über das kleine Objekt und hatte es als unbekanntes Schiff erkannt. Er forderte die Fremden auf, sich zu identifizieren. Mit ziemlicher Sicherheit benutzte er dafür nicht sehr höfliche Formulierungen. Als die Fremden auch nach der dritten Aufforderung noch schwiegen, ließ er die Torpedos bereit machen.
In den Waffensektionen der Schajo Cha Ngoi wurde es hektisch: Die Torpedos wurden scharf gemacht und in die Abschussrohre gebracht, die kleinen Kanonen auf Begleitfeuer eingestellt und zusammen mit den großen Waffen auf das winzige Schiffchen ausgerichtet. Die Kanoniere nahmen an den Pulten Platz und stellten Kampfkommunikation her. Dann meldeten sie Bereitschaft. N’Kogh Nsoi hatte die Meldung bereits erwartet und holte schon Luft, um den Feuerbefehl zu erteilen, als er von seinem Kommunikationsoffizier unterbrochen wurde. Dieser hatte den Eingang einer Antwortsendung registriert und meldete dies nun dem Captain.
N’Kogh Nsoi grinste zufrieden, wie wir annehmen dürfen, und stellte sich in Positur, um den Fremden ein möglichst eindrucksvolles Bild zu bieten. Wir dürfen weiterhin annehmen, dass ihm kurz darauf das Grinsen verging, weil ihm sein Kommunikationsoffizier mitteilte, dass der Computer mit den eingehenden Signalen nicht viel anfangen konnte.
N’Kogh Nsoi legte grübelnd die Stirn in Falten, was bei Nugroma bekanntlich den Ausdruck finsterer Verwegenheit noch zusätzlich verstärkte.
Wie man später in seinen Memoiren nachlesen konnte, gingen dem Captain der Schajo Cha Ngoi etwa folgende Überlegungen durch den Kopf: Da der Computer eines Kampfschiffes jede bekannte Form der Nachrichtenübermittlung in seinen Speichern hat und eigentlich jeden Code knacken müsste oder zumindest erkennen sollte, dass eine Nachricht codiert ist, konnte es sich bei dem Signal nur um die Botschaft einer noch unbekannten Spezies handeln. Und weil N’Kogh Nsoi in seinem gut sortierten Gedächtnis keinen Hinweis auf eine belebte Welt in diesem Raumsektor fand, zog er den richtigen Schluss, dass die Fremden aus einem noch weiter außen gelegenen Bereich dieses Arms der Galaxis stammen mussten. Falls es ihm – N’Kogh Nsoi – gelingen sollte, die Fremden davon zu überzeugen, sich dem Nugromischen Großreich anzuschließen, könnte das endlich den nötigen strategischen Vorteil gegenüber der Interplanetaren Föderation bringen. Er selbst würde natürlich auch mehr Ansehen bei seinen Vorgesetzten gewinnen.
Also fasste der Captain der Schajo Cha Ngoi den Entschluss, sich etwas in Geduld zu üben und eine vorerst friedliche Verständigung mit den Fremden anzustreben. Eine für damalige Verhältnisse eher ungewöhnliche Entscheidung für einen Nugroma-Krieger, aber wir wissen ja heute, dass N’Kogh Nsoi auch ein ungewöhnlicher Nugroma-Krieger war.