„Am Ende des Regens“

Eine Geschichte aus der Warén-Welt
Erschienen in „Am Ende des Regens“, AndroSF41; Herausgeber Michael Schmidt (2014)
Teil des Romanes „Allein oder Das Erbe der Terraformer“ (2016)

 

„Am Ende des Regens“

Eine Geschichte aus der Warén-Welt
Erschienen in „Am Ende des Regens“, AndroSF41; Herausgeber Michael Schmidt (2014)
Teil des Romanes „Allein oder Das Erbe der Terraformer“ (2016)

 

Klappentext

Klappentext zu „Am Ende des Regens“

Die zivilisationsbildende Spezies auf Talla sind die Trrk, insektoide zwittrige Wesen. Neben Ländern, die schon lange im Industriezeitalter angekommen sind, gibt es auch Naturvölker. Rstr gehört zu so einem Volk und absolviert den dort üblichen Initiationsritus: Nur wenn es ohne Hilfe seiner Stammesmitglieder ein Jahr lang auf der Prüfungsinsel überlebt, gilt es als Erwachsenes. Die merkwürdigste Erfahrung dabei ist seine Begegnung mit einem Bunthäuter.

Smalltalk

Plauderei über „Am Ende des Regens“

Für diese Geschichte hatte ich keine Idee vorab. Mit gefielen die Worte „Am Ende des Regens“ und mit nichts als der Stimmung, die sie in mir erzeugten, schrieb ich los. Als der Text fertig war, stellte sich heraus, dass er in die Warén-Welt gehörte. Wie, darum kümmerte ich mich später.

Leseprobe

Leseprobe aus „Am Ende des Regens“


Drückende Schwüle weckte das Trrk. Der Krst stand in der Tür und wedelte aufgeregt mit dem Schwanz. Rstr rappelte sich auf, nahm eine Tsstkrs-Frucht vom Lager und warf sie dem Krst zu. Gierig schlug das Tier seine Zähne durch die ledrige Schale und begann zu fressen. Ein neuer Tag des Prüfungsjahres hatte begonnen.

Gegen Mittag, Rstr hatte gerade den Bau des zweiten Steindaches beendet, frischte der Wind etwas auf. Das Trrk setzte sich neben das Signalfeuer und sah zum Festland hinüber. Es schien so unerreichbar fern, irgendwie unwirklich, wie ein Traum, eine Erinnerung an Geborgenheit. Rstr seufzte. Es wusste, dass diese Sehnsucht während der Regenzeit noch stärker werden würde. Gut, dass es den Krst gab. Er war ein, wenn auch unvollkommener, so doch treuer Gefährte. Rstr dankte im Stillen demjenigen, der das Tier auf die Insel gebracht hatte – wer auch immer das gewesen sein mochte.

Und dann dachte das Trrk plötzlich, dass der Krst ja genauso gut ein fleischgewordener Geist sein konnte, der dem Prüfling im Einsamen Jahr beistehen wollte.

In diesem Moment fiel Rstr auf, dass der Krst nicht an seiner Seite war. Es rief nach ihm, bekam aber keine Antwort. Stattdessen kreischten ein paar Tkt. Danach herrschte Totenstille.

Rstr rief noch einmal nach dem Krst. Die Vögel setzten wieder mit ihren Gesprächen ein, doch der Krst erschien noch immer nicht. Das war ungewöhnlich, denn normalerweise entfernte sich das Tier nie außer Rufweite. Selbst dann nicht, wenn Rstr durch den Dschungel streifte und der Krst sich im Unterholz herumtrieb. Diesmal hatte er sich aber offenbar zu weit fort gewagt.

Rstr hoffte, dass das Tier schon zur Hütte gelaufen war, und machte sich auf den Heimweg. Doch der Krst war nicht dort. Und er kam auch nicht, als Rstr nach ihm rief, ihn lockte, ihm drohte.

Das Trrk trat vor die Hütte und lauschte in den Dschungel. Im ersten Moment schienen die Geräusche wie immer. Nach einer Weile jedoch glaubte Rstr, einen fremden Rhythmus im Wechsel der Stimmen zu hören. Aufgeschreckt kreischten die Tkt, dann herrschte sekundenlang Stille, ehe langsam wieder die klagenden Töne der Ksskt einsetzten.

Irgendetwas war im Wald. Ein Raubtier? Unmöglich: Kein Landtier konnte die Strecke vom Festland bis zur Insel schwimmen.

Aber was war es dann? Ein Geist? Der Geist aus dem toten Baum vielleicht. Vielleicht war er böse darüber geworden, dass der Krst sein Gesicht zerbrochen hatte und war gerade dabei …

Rstr rannte los. Es brach wie der Krst durch das Unterholz, schreckte die Vögel auf, kleine Felltiere und Schuppentiere. Und dann stolperte es fast über den Krst.

Der Krst sah auf und knurrte das Trrk böse an. Rstr redete auf das Tier ein, doch nur langsam beruhigte es sich. Schließlich ließ es sich von Rstr kraulen.

„Wo warst du bloß?“, fragte Rstr erleichtert. „Du hast mir Sorgen gemacht, weißt du?“

Der Krst entzog sich Rstr und ging zu einem umgestürzten Baum, verschwand dahinter. Das Trrk folgte ihm. Es sah den Krst an irgendetwas fressen und trat näher. Es sah eine riesige Wunde, in der der Krst wühlte, und wandte sich würgend ab.

Dann realisierte Rstr, dass das Tier, an dessen Leiche der Krst fraß, nicht auf die Insel gehörte.

Rstr zwang sich, hinzusehen. Es handelte sich zweifellos um einen Weichhäuter und die Haare am Hinterkopf des toten Tieres wiesen es als Fellträger aus. Aber alles andere war überaus seltsam.

Außer dem Kopf schien die Haut des Tieres unbedeckt zu sein. Zudem war sie auffallend farbig, wie das Gefieder mancher Vögel. Am Körper und den abgespreizten Vorderbeinen war sie kräftig blau, an den Hinterbeinen schwarz. Auch die Hinterpfoten des Tieres waren schwarz. Gerade schlug der Krst seine Zähne hinein, biss dann in eines der Vorderbeine und zerrte daran.

Rstr scheuchte den Krst beiseite und drehte das tote Tier um. Unter der Leiche wimmelten Kleintiere. Sie hatten das Gesicht des Wesens schon zerfressen, stellweise bis auf den Schädel abgenagt.

Rstr musste sich übergeben. Der Krst bellte erschreckt. Das Trrk stand auf und ging davon. Was immer dieses Tier gewesen war – Rstr wollte seine Reste nicht mehr sehen. Mochte es den Aasfressern der Insel als Nahrung dienen.

Rstr rief nach dem Krst, der knurrte unwillig, kam aber mit zur Hütte zurück. Unterwegs pflückte Rstr ein paar Früchte, damit es vor dem Abend nicht noch einmal in den Dschungel musste.

In dieser Nacht schlief das Trrk schlechter denn je in seinem Leben.

Am nächsten Morgen fühlte es sich wie zerschlagen. Die Sonne stand schon so hoch, dass sie die Lichtung vor der Hütte beleuchtete. Der Krst war verschwunden, vielleicht zu dem toten Bunthäuter, um zu fressen. Rstr versuchte, nicht daran zu denken.

Das Trrk ging auf die Klippe. Das Signalfeuer brannte ruhig und hell. Rstr legte Holz nach. Ein Regentropfen fiel klatschend auf das Steindach, ein zweiter schlug genau zwischen Rstrs Fühler. Ein dritter traf einen Blattziegel über dem Vorratsholz. Und dann begann die Regenzeit.